Balsam für die Seele

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 Betreff des Beitrags: [HP] Moon river (2)
BeitragVerfasst: 7. Jul 2008 12:47 
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Hallo zusammen!

Ich habe nach Langem noch mal etwas Neues angefangen, und denke, dass es angesichts der großern Anzahl Rudelmitglieder hier genau die richtige Story für dieses Forum sein könnte. :wink: Deshalb stelle ich den Anfang mal hier ein.
Es ist wieder ein Liedtitel, wie bei meiner FF "Gonna blame it on the moon" und es geht - dreimal dürft ihr raten - auch wieder um Remus. Sie wird nicht allzu lang werden - vielleicht 10 Kapitel.

Alle Figuren, Orte und Zaubersprüche gehören selbstverständlich JKR, sofern es sich nicht um Erfidnungen meinerseits handelt.

Viel Freude beim Lesen wünscht Tröti


Moon river

Moon river, wider than a mile
I´m crossing you in style some day
Oh, dream maker, you heartbreaker
Wherever you´re goin, I´m goin your way
Two drifters, off to see the world
There´s such a lot of world to see
Where after the same rainbows end, waitin round the bend
My huckleberry friend, Moon River, and me



Kapitel 1


Still lag das kleine Dörfchen im Mondlicht, als der erste Schnee fiel, flaumige Flocken, die zunächst allmählich, dann in immer rascherer Folge vom Himmel segelten wie Löwenzahnsamen im Frühlingswind. Bald war das holprige Kopfsteinpflaster von einer ersten zuckergussgleichen Schicht bedeckt, bald die spitzen Dächer der niedrigen Häuschen, die sich eng aneinanderschmiegten, wie um sich zu wärmen. Die Straßenlaternen erloschen und einzig das fahle Licht des abnehmenden Mondes und einen handvoll Sterne ließen die Konturen der Gebäude erahnen. Hie und dort drang ein wenig Licht aus einem Fenster auf die Straße.

Die schmale Gestalt schien wie aus dem Nichts aufzutauchen. Mit einem Mal war sie da und torkelte das Sträßchen zwischen den Häusern entlang, das sich in sanften Hügeln am Ortsende verlor. Ihre Schritte waren unsicher, zaghaft, wie die eines Alten oder Betrunkenen, ihr Keuchen viel zu deutlich hörbar, um von einem Irrtum auszugehen. Als sie sachte auf die frische Schneedecke fiel, wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hatte, verursachte sie kaum einen Laut. Wenige Augenblicke später war auch sie von einer zarten Schneeschicht bedeckt, eine kaum sichtbare Erhebung auf den Straßen Hogsmeades an einem 27. Dezember im Jahr 1983.


Als Rosmerta am 1. Tag nach den Weihnachtsfeiertagen von einem ungeduldigen Läuten an ihrer Haustür aus dem Schlaf gerissen wurde, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen. Drei freie Tage, eine viel zu kurze Zeit, um sich von den vorweihnachtlichen Strapazen der vergangenen Wochen zu erholen. Der Blick auf ihren Wecker ? übrigens auf acht Uhr eingestellt ? verriet, dass es gerade einmal sechs Uhr in der Früh war. Erst dann hatte sie damit anfangen wollen, ihren Pub auf die nachmittägliche Wiedereröffnung vorzubereiten, die von einigen Dorfbewohnung, vornehmlich alten Vetteln und ihrem Honigmet verfallenen Greisen, so sehr herbeigesehnt wurde. Da Rosmerta von einigen ihrer Stammkunden nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob sie je das Lesen gelernt hatte, glaubte sie in diesem Moment noch an einen besonders ungeduldigen Gast, der mit ihrem deutlich sichtbaren Türschild ?Über die Weihnachtsfeiertage (24.-26.12.) geschlossen ? Wiedereröffnung am 27.12., 16.00 Uhr? nichts hatte anfangen können. Sie schlüpfte in einen Morgenmantel, ein Hauch aus perlmuttfarbenem Satin, und eilte auf bloßen Füßen und mit wehenden Locken die steile Stiege zum Schrankraum des Pubs hinunter, um ihrem zweifellos zahnlosen und nach billigem Schnaps riechenden Gast darauf hinzuweisen, dass der ?3 Besen? erst in acht Stunden öffnen würde. Als es ? gerade als sie die Tür erreichte ? erneut ungeduldig läutete, war Rosmerta mehr als nur ein wenig ungehalten.

?Komme ja schon, bin schon unterwegs?, brüllte sie der Tür entgegen, und ein wenig leiser, mehr zu sich selbst? Vesoffener alter Schwachkopf!?
Mit ihrer Vermutung lag sie nicht ganz falsch. Willy Wisbourne war ihrem Honigmet in der Tat recht zugetan, beherrschte allerdings mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit das Lesen, bedachte man, dass von ihm regelmäßig Leserbriefe im Tagespropheten abgedruckt wurden, in denen er sich über die laxen Sicherheitsmaßnahmen des Geheimhaltungskomitees beschwerte.

?Morgen Willy, was führt dich zu so unchristlicher Zeit in meinen Pub??, fragte Rosmerta und fühlte sich sogleich unbehaglich in ihrem dünnen, kaum knielangen Morgenrock, den Willy nun förmlich zu durchleuchten schien.

Willy war eine Erscheinung. Böse Zungen tuschelten, dass in seinen Adern das Blut eines Riesen floss, denn er war groß, gut zwei Meter zwar nur, aber auch ebenso breit, dazu häufig wild und unbeherrscht, eine Eigenschaft, die sich mit jedem Glas Honigmet zu mehren schien.

?Morgen Rosmerta? Er nickte ihr zu und musterte ihre schlanken Waden wohlwollend. ?Ich komme in einer etwas heiklen Angelegenheit ? Jungs!?
Willy machte den Eingang frei und winkte seine beiden halbwüchsigen Söhne, Frederick und Ferdinand herbei, die eine schmale Gestalt zwischen sich trugen und nun drauf und dran waren, sie über ihre Schwelle zu heben.
?Ähm ? Moment mal!? Rosmerta stellte sich den beiden Pickelgesichtern entschieden entgegen. ?Was in Merlins Namen ??
?Dieser Junge lag heute Morgen vor meiner Haustür im Schnee, war von oben bis unten zugeschneit, muss die ganze Nacht dort gelegen haben?, sagte Willy. ?Dachte erst, die hätten Schnee geschippt und vor meiner Tür abgeladen, die Sauhunde von Nebenan, als ich plötzlich sehe, he! Da liegt einer drunter! Fred und Ferdie kennen ihn nich. Nich, Fred und Ferdie? Is´also nich´aus Hogwarts. Können wir nun rein??
?Die ganze Nacht im Schnee! Oh, beim Barte des Merlin ? kommt rein mit ihm!? Rosmerta gab den Weg frei und Willys Söhne trugen den Jungen über die Schwelle ins Warme, wo sie ihn auf einem Tisch ablegten, ganz so als sei er die Ausbeute eines erfolgreichen Jagdausfluges.
Rosmerta trat rasch heran und zog die Kapuze zurück, die einen Teil des jungen Gesichts verhüllte.
?Das ? das ist unmöglich ??, entfuhr es ihr, und Willy musterte sie gespannt.
?Du kennst ihn also, wusst´ ich´s doch!?
?Ich ?? Rosmerta zögerte. ?Er ? er kommt mir bekannt vor. Muss in Hogwarts gewesen sein, schon vor ein paar Jahren, sonst würde ihn Freddie wohl noch kennen. Ja, wenn ich es mir recht überlege, er war wohl ab und zu hier im Pub, wie alle aus Hogwarts.?
?Und kennst du seinen Namen??
?Nein? Rosmerta schüttelte den Kopf.
Willy schien enttäuscht. ?Gut ? dann ? er scheint in Ordnung zu sein, ist unverletzt, soweit ich das beurteilen kann, nur ein wenig unterkühlt. Ich dachte, da du doch so viele Gästezimmer hast und dich ein wenig aufs Heilen verstehst-"
?Ist schon in Ordnung?, sagte Rosmerta rasch. ?Ich kümmere mich um ihn. ?Dann müssen die Saufköpfe eben noch einen Tag länger auf meinen Honigmet warten. Seid doch bitte so gut, und schafft ihn hinauf?, fügte sie an Freddie und Ferdie gewandt hinzu. ?Das erste Zimmer auf der rechten Seite, mit dem Bett am Kamin. Das wird er jetzt brauchen.?

Die beiden Jungen taten, wie ihnen geheißen, Willy danke Rosmerta, dann verabschiedete er sich, nicht ohne mehrfach zu betonen, dass sie ihn über jede Regung des geheimnisvollen Unbekannten auf dem Laufenden halten sollte.

?Übrigens ? einen Zauberstab hat er keinen?, sagte Willy, als er schon in der Tür stand. ?Du bist sicher, dass du ihn kennst, nicht, dass es am Ende ein Muggel ist ??
?Und was, wenn es so wäre??, fragte Rosmerta kühl. ?Würdest du dann bereuen, ihn hierher gebracht zu haben??
?Wie kannst du es wagen! Ich-?
?Es gibt etliche guter Gründe, warum er keinen Zauberstab haben könnte?, fauchte Rosmerta. ?Er könnte ihn verloren oder zerbrochen haben. Oder man hat ihn bestohlen. Der Junge sieht nicht danach aus, als könne er sich mal so eben einen neuen kaufen.?
?Oder aber er ist einer von denen, die ihren Stab abgeben mussten. Man hört ja so viel, seit Du-Weißt-schon-wer ??
?Mach dich nicht lächerlich, Willy! Zu Zeiten von Du-weißt-schon-wem war dieser Junge ein Kind!?
Und mit einem bestimmten Auf Wiedersehen schob sie Willy und seinen Söhnen die Tür vor der Nase zu.


Zuletzt geändert von Tröti am 24. Jul 2008 02:17, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 7. Jul 2008 16:16 
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Hey Tröti :knuff:

Oh, wie schön, eine neue Remus-FF von dir :jubel: :kl:

Gleich mal reinstürzen. :mrgreen:

Der Titel gefällt mir schon mal sehr gut, ich muss gestehen, ich hatte den auch im Hinterkopf für eine FF, habe ihn aber nie verwendet, bzw. es ist nie zu der FF gekommen. Aber es liegt schon nahe...
Und nun summe ich schon wieder "Moon River", wie es immer der Fall ist, wenn ich den Titel irgendwo lese *lach*

Nun aber zu deiner Geschichte...

Es fängt ja gleich sehr stimmungsvoll an. Man kann sich in die Atmosphäre des Ortes wunderbar hineinversetzen, wie es da schweigend schneit und die Welt scheinbar keine Notiz von der Person nimmt, die da still zu Boden sinkt.
Aber wer ist das und was ist passiert? *grübel*
Kaum hat man angefangen zu lesen, schon fühlt man sich mitten drin. Das ist wirklich gelungen, Tröti. Dein Stil ist wie immer absolut überzeugend.

Oh, ich verstehe Rosmerta gut. :mrgreen:
Wenn man mich zu einer derartig frühen Stunde aus dem Bett holen würde, dann wäre ich auch mehr als stinkig.

Zitat:
erneut ungeduldig läutete, war Rosmerta mehr als nur ein wenig unpässlich.

*grübel* Meinst du wirklich "unpässlich"? Unpässlich heißt doch eigentlich "indisponiert", nicht zur Verfügung stehend.
Ich hatte aus dem Satz eher das Gefühl, du meinst "ungehalten" oder etwas in der Bedeutung.

Zitat:
?Morgen Willy, was führt dich zu so unchristlicher Zeit in meinen Pub??, fragte Rosmerta und fühlte sich sogleich unbehaglich in ihrem dünnen, kaum knielangen Morgenrock, den Willy nun förmlich zu durchleuchten schien.

*grins* Was zieht sie auch son Teil an, wenn sie mitten in der Nacht zur Tür geht? Im kleingeblümten Flanell-Morgenrock wäre das nicht passiert... :lool:

Zitat:
Rosmerta stellte sich den beiden Pickegesichtern entschieden entgegen.

Fehlt da bei den Pickelgesichtern nicht ein "l"?
Aber die Beschreibung der drei Herren ist zu und zu köstlich, man sieht sie geradezu vor sich.

Zitat:
?Das ? das ist unmöglich ??, entfuhr es ihr, und Willy musterte sie gespannt.
?Du kennst ihn also, wusst´ ich´s doch!?

Wahhhh... du machst es spannend, Tröti! :zit:

Nun bin ich endgültig gespannt, wer das ist und warum er keinen Zauberstab hat und was da passiert ist. *haare rauf*

Tröti, dein Stil und Ausdruck ist wie immer beeindruckend schön und man ist sofort in der Geschichte drin.
Ich freue mich schon darauf, weiterzulesen.

/hugs
Lyth

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BeitragVerfasst: 8. Jul 2008 00:22 
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Herzlichen Dank für dein Review, Lythanda! Und vor allem für deine Tipps! :knuff: "ungehalten" war das Wort, nach dem ich so verzweifelt gesucht hatte ... Ich hab alles direkt verbessert.

Mit "Moon river" hast du Recht - das liegt tatsächlich nahe, wenn man eine Remus-FF schreiben möchte. Ich finde das Lied so traurig, und im Grunde habe ich mir anhand dieses Liedes eine passende Geschichte überlegt. Es ist eins meiner Lieblingslieder, und ich hoffe, es wird ganz gut passen, wenn ich einmal fertig bin. Am Schönsten finde ich, wie Audrey Hepburn bei "Breakfast at Tiffany´s" so grinst, wenn sie singt "My huckelberry friend" ... :wink:

Rosmerta in ihrem leichten Morgenrock ... ja, so stell ich mir Rosmerta vor. Wir wissen ja im Grunde nur sehr wenig über sie, aber ich mag sie. Ich glaube, sie ist sehr tough. Wie sie da im 3. Film Fudge zur Schnecke macht ... und kellnert in Pumps! Respekt! :mrgreen: Auf jeden Fall war sie die perfekte Figur für das, was ich mir ausgedacht habe.

Ich hoffe, dass ich noch vor dem Urlaub das nächste Kapitel fertig bekomme und das Geheimnis um den armseligen Unbekannten lüften kann.

Ganz liebe Grße, Tröti


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BeitragVerfasst: 24. Jul 2008 02:20 
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Na ja, nun doch nach dem Urlaub ... :wink:

Die Geschichte läuft ein bisschen langsam an, also hoffe ich, dass es nicht langweilig wird.

Jedenfalls - hier kommt das 2. Kapitel:




Kapitel 2

Rosmerta brauchte einige Augenblicke, um sich zu sammeln. In einem ihrer Gästezimmer lag ein halb erfrorener Junge, und in kaum mehr acht Stunden sollte sie ihr Lokal wiedereröffnen. Außerdem spukte ein Gedanke in ihrem Kopf herum, seit sie die Kapuze von seinem jungen Gesicht gezogen hatte, etwas Vertrautes, das weniger weit zurückliegen musste als ihre Erinnerungen an die vergangenen Schulzeiten dieses Jungen.
Rosmerta beschloss, dass dieser Gedanke warten musste, ebenso wie die Wiedereröffnung der ?3 Besen?. Rasch öffnete sie die Tür des Pubs, um sich mit einem Schlenker ihres Zauberstabes an dem Türschild zu schaffen zu machen.

Wegen eines Trauerfalls in der Familie bleibt das Lokal am 27.12. geschlossen.

Das war blanker Unsinn, wie wohl die meisten ihrer Stammgäste wissen mussten. Seit dem Tod ihres Vaters vor vier Jahren hatte Rosmerta keine Familienangehörige mehr, und seit diesem Tag führte sie die ?3 Besen? allein.

Rosmerta dachte gar nicht erst weiter über eine glaubwürdigere Ausrede nach, sondern eilte stattdessen die Treppe hinauf und betrat das Zimmer, in das Fred und Ferdie den Jungen getragen hatten.
Zunächst einmal musste ein Feuer her! Danach war sie vorerst mit ihrem Latein am Ende. Ihre Heiler-Fähigkeiten beschränkten sich auf das Brauen einfacher Tränke nach Familienrezept und das Erteilen guter Ratschläge zum Auskurieren eines Katers. Rosmerta hätte eine Eule nach Hogwarts schicken und Madam Pomfrey um Hilfe bitten können, aber etwas in ihr sträubte sich dagegen. Dies war ihr ganz persönlicher Patient. Und es war ja nicht so, dass er der erste halb Erfrorene war, der in ihrem Pub Zuflucht suchte; er war einfach der erste bewusstlose halb Erfrorene. Und er musste aus seinen nassen Klamotten raus.

?Wingardium Leviosa?, murmelte Rosmerta und der Körper ihres jungen Gastes hob sich sanft in die Höhe, um einen halben Meter über dem Bett schweben zu bleiben.

?Die Füße?, hatte ihre Mum immer gesagt, ?die Füße, das ist das Wichtigste. Wenn die Füße warm sind, kommt alles andere schon wieder in Ordnung.?

Also zog sie ihm die Schuhe aus und obendrein drei Paar löchriger Wollsocken. Der junge Mann schien alles am Leib zu tragen, was er besaß: einen widerlichen alten Reiseumhang, zwei Pullover, ein Hemd, zwei T-Shirts, Jeans, lange Unterhosen und schließlich eine angegraute Boxershorts. Statt ihm diese auch noch vom Leib zu schälen, trocknete Rosmerta sie mit ihrem Zauberstab. Schließlich konnte sie ihn ja nicht um Erlaubnis fragen.
Dieser Zwiebellook musste dem Jungen zweifellos das Leben gerettet haben, denn die unteren Schichten seines Kleidersammelsuriums waren klamm, nicht aber so durchnässt wie der Umhang oder die Jeans. Eine Weile lang betrachtete sie nachdenklich den vernarbten, jungen Körper, der vor ihr in der Luft schwebte. Viele feine, neue und alte Verletzungen zeichneten seine Brust, die Arme und Beine; dazu Striemen auf dem Rücken, halb verheilt, wie von Peitschenhieben. Madam Pomfrey kam ihr erneut in den Sinn, doch wieder verjagte sie diese Möglichkeit aus ihrem Kopf wie eine lästige Fliege.

Nachdem Rosmerta ihn mit vergessenen Kleidungsstücken ihrer Übernachtungsgäste neu eingekleidet hatte, ließ sie seinen Körper sanft zurückt auf das Bett schweben und hüllte ihn in mehrere Lagen Wolldecken, die sie rundherum gut fest stopfte. Jetzt noch ein großer Löffel ihres selbst gebrauten Stärkungstrankes, der in ihrer Familie seit Generationen bei allen Arten von Erkältungskrankheiten verabreicht wurde, und ihr junger Gast würde das Bewusstsein schon wieder erlangen und seine Geschichte erzählen können; zumindest die Kapitel seiner Geschichte, die sie noch nicht vorauszuahnen glaubte.

Zum ersten Mal an diesem Tag fand sie die Zeit, ihren Gast näher zu betrachten: schulterlanges Haar in einer undefinierbaren Farbe und ein Fünf-Tage-Bart, eingefallene Wangen und blau gefrorene Lippen, ungewöhnlich lange Wimpern auf blasser Haut. Ein elender Anblick.

Rosmerta hatte viele Namen und Gesichter von Hogwartsschülern vergessen; zu viele gingen seit Jahren in ihrem Pub ein und aus. Einige Namen hatte sie nie gekannt oder nur aufgeschnappt, wenn die Kinder einander riefen.

?Hol ma´ noch ´ne Runde Butterbier, Kenny!?
?Haste noch zwei Sickel, Penelope? Sonst kann ich meinen Kürbissaft nicht zahlen.?

Doch den Namen dieses Jungen kannte sie und würde ihn wohl auch nie vergessen. Er war so oft hier gewesen, er und seine drei Freunde; ein stiller Junge, der mehr zuhörte, als zu reden, der ausgesprochen höflich war, gut situiert, Trinkgelder gab (was bei Hogwartsschülern selten vorkam), sich freundlich bedankte, und ? das hatte sie nie vergessen können ? ihre leeren Gläser stets zum Abschied auf den Tresen stellte und ihr verlegen zunickte.

?Vielen Dank, Rosmerta?
?Schon gut, Remus. Und beim nächsten Mal räum´ ich selbst den Tisch ab. Das ist mein Job.?

Aber mit einer eigenwilligen Konsequenz, die schon fast an Sturheit grenzte, hatte er ihr diesen Part ihres Jobs Mal für Mal erneut abgenommen. Zweifellos hatte Remus Lupin für sie geschwärmt, wie es nicht wenige der Dreizehn- bis Siebzehnjährigen Jungen taten, die ihren Pub besuchten. Remus hatte es auf eine stille, kindliche Art getan, die sie rührte; nie war er aufdringlich geworden, nie hatte er sich aufgeplustert.

Und heute lag Remus in einem ihrer Gästebetten und war noch ein wenig blasser, als sie es in Erinnerung hatte. Er war ihr immer schon ein wenig kränklich vorgekommen, und von Zeit zu Zeit hatten sie seine drei Freunde alleine besucht.

?Wo ist denn Remus??
?Dem geht´s heut´ nicht so gut, Rose.?
?Ist unpässlich, sozusagen.?
Und dann hatten sie sich angegrinst, James, Sirius und der Kleine, dessen Name ihr nicht mehr einfallen wollte.

Rosmerta fühlte seine Stirn. Sie war heiß, aber nicht bedenklich heiß. Und sogar seine Lippen färbten sich allmählich rosa.

?Du bist ein robuster, kleiner Kerl, Remus?, sagte sie liebevoll.

Und ganz so als habe er ihre Worte gehört, begannen seine Lider zu flackern, doch sein Blick schien sie nicht zu fassen.

?Ich war nicht sein Verbündeter. Und wenn Sie mich umbringen, werd ich´s auch nicht eher sein!?

?Niemand hat vor, dich umzubringen, Remus John Lupin.?

Remus keuchte. ?W ? wer sind Sie??

?Nun bin ich aber schwer enttäuscht.? Rosmerta schmunzelte. ?Kennst du mich denn etwa nicht mehr??

Remus neigte den Kopf in ihre Richtung und versuchte, seine Augen geöffnet zu halten, während sein Blick sie unruhig musterte.

?Madam Rosmerta?? Und mit dem Anflug eines Lächeln auf seinen Lippen: ?Also hab ich´s geschafft!?

?Nun ? was auch immer ... Zumindest bist du hier vorerst in Sicherheit, falls dich das beruhigt. Niemand, der dir nach dem Leben trachtet. Nur du und ich.?

Diese Information schien Remus fürs Erste zu genügen. Er schloss die Augen.
?Ich bin so müde ? ich ? ich war nie zuvor ? so müde ??

?Dann schlaf, Remus. Schlaf, dann wirst du gesund?, sagte Rosmerta. Und auf leisen Sohlen verließ sie sein Zimmer.

Jetzt war es an der Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Und einen Berg von Altpapier, zweifellos.


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BeitragVerfasst: 24. Jul 2008 10:24 
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Hallo Tröti, :knuff:

gelesen hab ich den Anfang deiner Geschichte schon kurz nachdem du Kapitel 1 gepostet hast.
Im Moment kann ich mich nur immer sehr schwer zu einem Review aufraffen.
Aber bevor ich hier den Anschluss verlier, will ich mal loslegen. ;)

Schon deine Einleitung hat mich völlig in den Bann gezogen.
Die Beschreibung einer kalten Winternacht war so gut, dass ich zu frösteln begann.
Und diese Figur im Schnee ... ich hab da so eine Ahnung ...

Mir gehts wie Lyth - auch ich kann Rosmerta gut verstehen. Geweckt zu werden wenn ich noch schlafen könnte - da werd ich äusserst ungeneussig. :mrgreen:

Zitat:
?Morgen Rosmerta? Er nickte ihr zu und musterte ihre schlanken Waden wohlwollend.

Dieser Ausblick versüßt ihm den Morgen eindeutig. :lol:

Zitat:
?Das ? das ist unmöglich ??, entfuhr es ihr, und Willy musterte sie gespannt.
?Du kennst ihn also, wusst´ ich´s doch!?
?Ich ?? Rosmerta zögerte. ?Er ? er kommt mir bekannt vor.

Da scheint Rosmerta aber ein bisschen zu schwindeln.
Traut sie den Herren nicht?

Zitat:
?Wingardium Leviosa?, murmelte Rosmerta und der Körper ihres jungen Gastes hob sich sanft in die Höhe, um einen halben Meter über dem Bett schweben zu bleiben.

Das ist ein sehr praktischer Zauberspruch, über dessen Verwendung im Alltag ich mir nie Gedanken gemacht hatte.
Aber jede Krankenschwester (zu Lyth schiel) wäre wohl zu froh, ihn zur Verfügung zu haben.

Zitat:
?Die Füße?, hatte ihre Mum immer gesagt, ?die Füße, das ist das Wichtigste. Wenn die Füße warm sind, kommt alles andere schon wieder in Ordnung.?

*zustimmend nick*
Wenn meine Füße warm sind, folgt der Rest des Körpers wie von alleine.

Zitat:
Der junge Mann schien alles am Leib zu tragen, was er besaß: einen widerlichen alten Reiseumhang, zwei Pullover, ein Hemd, zwei T-Shirts, Jeans, lange Unterhosen und schließlich eine angegraute Boxershorts.

Das klingt ja, als wäre der Ärmste auf der Flucht.

Zitat:
Zum ersten Mal an diesem Tag fand sie die Zeit, ihren Gast näher zu betrachten: schulterlanges Haar in einer undefinierbaren Farbe und ein Fünf-Tage-Bart, eingefallene Wangen und blau gefrorene Lippen, ungewöhnlich lange Wimpern auf blasser Haut. Ein elender Anblick.

Oh je, was hat der arme Kerl nur hinter sich.

Zitat:
Und heute lag Remus in einem ihrer Gästebetten und war noch ein wenig blasser, als sie es in Erinnerung hatte.

Ich hab es ja gewusst. :hips: :hips:

Zitat:
?Ich war nicht sein Verbündeter. Und wenn Sie mich umbringen, werd ich´s auch nicht eher sein!?

Ach du lieber Gott. Wer hat Remus denn da so übel mitgespielt?
Das Ministerium mit seinem Wahn, alle Werwölfe müssten böse und auf der Seite Voldemorts sein?

Zitat:
?Nun ? was auch immer ... Zumindest bist du hier vorerst in Sicherheit, falls dich das beruhigt. Niemand, der dir nach dem Leben trachtet. Nur du und ich.?

Dafür könnte ich Rosmerta knuddeln.
Ich hoffe nur, sie steht zu ihren Worten.

Liebste Tröti, deine Geschichte lässt sich in keinster Weise langsam an, im Gegenteil.
Ich fiebere jetzt schon dem nächsten Kapitel entgegen.

:bussi:

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BeitragVerfasst: 28. Jul 2008 17:17 
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Hey Tröti :knuff:

nun komme ich auch endlich einmal dazu, dein neues Kapitel zu kommentieren. Sorry für die Verspätung, das RL meint es im Moment nicht so gut mit meiner PC-Zeit.

Aber nun zu dem Kapitel:

Zitat:
Außerdem spukte ein Gedanke in ihrem Kopf herum, seit sie die Kapuze von seinem jungen Gesicht gezogen hatte, etwas Vertrautes, das weniger weit zurückliegen musste als ihre Erinnerungen an die vergangenen Schulzeiten dieses Jungen.

Aha... sie hat also irgendeine Erinnerung an den Jungen, nur was könnte das sein? *grübel* Ich tippe ja auf Remus, allerdings würde sie den nicht erkennen, so wie sie in Band 3 erzählt hat, dass die Rumtreiber dauernd bei ihr rumgelungert haben?
Du machst es aber echt spannend... :mrgreen:

Zitat:
?Wingardium Leviosa?, murmelte Rosmerta und der Körper ihres jungen Gastes hob sich sanft in die Höhe, um einen halben Meter über dem Bett schweben zu bleiben.

Herrlich... wie sehr wünsche ich mir diesen Spruch für meinen Beruf *seufz*.

Zitat:
Statt ihm diese auch noch vom Leib zu schälen, trocknete Rosmerta sie mit ihrem Zauberstab. Schließlich konnte sie ihn ja nicht um Erlaubnis fragen.

*lach* Wie süß von ihr. Naja, professionelle Heiler sehen das weniger eng, aber sie hat da eindeutig eine Hemmschwelle. :lol:

Zitat:
dazu Striemen auf dem Rücken, halb verheilt, wie von Peitschenhieben.

Du meine Güte, was ist dem armen Kerl denn widerfahren? Wer hat ihn so misshandelt?
Merlin, du wirfst hier aber auch einen riesigen Haufen Fragen auf...

Hach, ich habs geahnt, dass sie sich an Remus erinnern würde. :mrgreen:

Du beschreibst ihre Erinnerungen an die Kids großartig, man hat direkt das Gefühl, selber in der Kneipe zu sein und zu beobachten. Das liebe ich so an deinem Stil, Tröti! :knuff:

Hach, wie gut, dass Rosmerta sich eine eigene Meinung bildet und Remus erstmal in Sicherheit ist. Ich bin sicher, dass er seine Geschichte erzählen darf und sie sich dann ein faires Urteil bildet. *erleichtert aufseufz*

Nun bin ich gespannt wie eine Bogensehne, wie es weitergeht.

/hugs
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