Balsam für die Seele

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BeitragVerfasst: 8. Jan 2008 16:09 
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Vielen Dank für dein Review, Minchen. :knuff:

Zitat:
Macht.
Macht über jemand anderen auszuüben ist oft nichts anderes, als der Versuch zu verbergen, wie hilflos man der Gewalt und Macht einmal ausgesetzt war.
Sie scheint dann das einzige Mittel zu sein, um slbst nie mehr Opfer zu werden. Nie mehr hilflos der Willkür eines Anderen ausgesetzt zu sein, nie mehr darunter leiden zu müssen.
Und doch ist das alles nur Makulatur. Denn es hilft nicht, die eigenen Gefühle zu überdecken.

Das sind sehr tiefgründige Gedanken, und ich glaube auch, dass das so stimmt.

In diesem Falle allerdings glaube ich nicht, dass deine GEdanken zutreffen.
Ich persönlich glaube nicht, dass die reinblütige Familie Prince jemals Opfer war und Macht benutzt, um sich davor zu schützen, jemals wieder der Willkür Anderer ausgesetzt zu sein.
Ich denke, eine alte und reinblütige Familie sieht die Anwendung von Macht als Privileg ihrer Klasse an, als ererbtes Recht der durch Geburt höhergestellten.
Ein Verhalten, dass man auch sehr hübsch an Draco Malfoy beobachten kann.
Und ebenso vermitteln die Princes dieses Konzept der Machtausübung an ihren Enkel und demonstireren es auch gleich an dem in ihren Augen minderwertigen Schwiegersohn.

Zitat:
Severus ist einfach zu jung, um verstehen zu können, dass es nicht an Tobias Liebe oder seinem Willen, ihm zu helfen mangelt. Er kommt gegen diese Familie voller Hexen und Zauberer nicht an, die diesem Reinblutwahn unterliegen.

Ja, ich denke, wäre er bei seinen Eltern in einem gesunden ZUhause, dann könnte er sich vielleicht gegen die Indoktrination der Großeltern zur Wher setzen. Aber in Severus Situation, verstört und verängstigt durch das eigene Elternhaus, ist die Flucht in die vermeintlich sichere Stabilität der Familie seiner Mutter naheliegend, wenn auch fatal.
Mir lag es immer am Herzen, eine Situation aufzuzeigen, in der es keinen eindeutig Schuldigen gibt, kein "Point of no return", sondern dass es viel öfter so ist, dass die Dinge sich schlechend entwickeln, so dass man oft viel zu spät erst erkennt, auf was für einem fatalen Weg man sich befindet.
Und dass oft verschiedene Komponenten zusammen kommen, die eine schlimme Entwicklung fast unabwendbar macht und dass auch nur das Fehlen eines einzigen Teils davon, alles hätte anders werden lassen können.
Manchmal hängt das Unausweichliche an so vielen dünnen Fäden, dass daraus ein dickes Tau wird, dem keiner widerstehen kann.

Zitat:
Es ist bewundernswert, welche Mühe sich Tobias immer noch gibt, Severus dem unheilvollen Einfluss zu entziehen.
Dabei kämpft er gleich Don Quichotte gegen Windmühlenflügel an, und das erfordert mehr Mut als alles andere.
Aber einfach aufgeben und gehen kann er einfach nicht.

Tobias ist in diesem Gedankenspiel ein Mann, der sehr stark und aufrecht ist, der nur letztendlich an den Umständen zerbrechen muss. Er gibt alles daran, dass das nicht vor den Augen seines Sohnes passiert.

/hugs
Lyth

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BeitragVerfasst: 8. Jan 2008 16:11 
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Kapitel 8: Niederlage



Triumph ist ein mächtiges Gefühl, eine Triebfeder für so manche große Heldentat und für so manche niederträchtige Schandtat. Das Gefühl gesiegt zu haben, überlegen zu sein, den Gegner am Boden zu sehen. Zerstört durch unsere Macht, auf unseren Befehl, oder durch die Hand eines unserer Gefolgsleute. Nicht immer ein körperlicher Tod, manchmal zerbrechen wir unsere Gegner nur, aber trotzdem sind sie vernichtet. Und dennoch bleibt ein schales Gefühl, denn nicht alles stirbt mit der Person.

Severus,

Nun hast Du das Alter erreicht, in dem Du nach Hogwarts gehen wirst. Du wirst keinen Schutz mehr brauchen und es quält mich immer der Gedanke, wie wenig ich Dir geben konnte, dass Du nicht einmal mehr wissen wirst, wer ich war, sondern nur noch das verzerrte Bild der letzten Jahre und die Einflüsterungen Deiner Mutter und ihrer Familie im Kopf haben wirst.
Ich glaube nicht, dass ich noch da sein werde, wenn Du nach Hause kommst, aber ich möchte, dass Du durch diese Briefe eines Tages erfährst, wie sehr ich Dich geliebt habe und dass ich daran zerbrochen bin, Dich nicht schützen zu können, dass ich nicht der Vater war, den jeder Junge verdient, den Du gebraucht hättest.
Sie haben gesiegt, aber ich hoffe und bete, dass durch diese Briefe ihr Sieg eines Tages ein bitterer Sieg sein wird.
Ich werde Dir einen letzten Dienst erweisen, indem ich aus Deinem Leben verschwinde. Deine Mutter hat mir oft genug gesagt, dass das einzige, was sie sich von mir wünscht, ist, dass ich verschwinde und Dir und ihr damit die Chance gebe, für Dein zukünftiges Leben Deine schändliche Herkunft vergessen zu können.
So schwer es mir fällt, Dich gehen zu lassen, ich weiß doch tief in meinem Herzen, dass es besser für Dich ist. Dieses Haus ist kein guter Ort für einen Jungen. Glaube nicht, Du wärest mir gleichgültig gewesen, ich habe oft gesehen, wie Du alleine in Deinem Zimmer gehockt und düster vor Dich hin gestarrt hast in den letzten Jahren. Wie viele Stunden hast Du auf Deinem Bett gelegen und die Decke angesehen?
Aber ich war schon lange nicht mehr die Person, der Du Dich anvertraut hättest, ich habe Deine Verachtung jede Minute gespürt.
Ich kann nur hoffen, dass Du an Deiner Schule neue Freunde findest, dass Du lernst, offen für andere Gedanken zu werden.
Vielleicht findest Du dort die Anerkennung, die Deine Leute Dir hier nie gegönnt haben. Dass Du meine nicht mehr wolltest kann ich ja verstehen, wer hätte Dir weniger ein Vater und Freund sein können, als ich?
Nun, dort warten so viele Menschen auf Dich, Lehrer, Mitschüler, und weiß der Himmel, wer noch so alles in einer Zaubererschule lebt.
Nutze die Chance neu anzufangen, als unbeschriebenes Blatt, ohne Vorbelastungen und ohne Makel. Du wirst Freunde und Vertraute finden, Leute, zu denen Du eine so starke Bindung aufbauen kannst, dass es ihnen eines Tages egal sein wird, was für eine Herkunft Du hast, wenn sie erst erkannt haben, was Du für eine Person bist.
Ergreife die Chancen, die sich Dir dort bieten.
Und wenn Du dann Deine Ausbildung beendet hast und als erwachsener Mann zurückkehrst, dann warten diese Briefe auf Dich. Du wirst so viel gelernt haben, so unterschiedliche Sichtweisen erfahren haben, dass es unmöglich sein wird, noch weiter die Wahrheit zu verleugnen.
Du wirst auf dieser Schule auch Halbblüter und Muggelgeborene treffen, so sagte man mir und das wird Dir die Chance geben, eine neue Perspektive zu bekommen für diesen ganzen Reinblutunsinn. Du wirst erkennen, dass weder Du noch andere Halbblütige, ja nicht einmal Muggelgeborene weniger wert sind, dass es alles nur davon abhängt, was man aus seinem Leben macht.
Ich bin sicher, die Zeit in der Schule wird Dir klar machen, dass sich Dein Wert nur über Deine Leistungen, Deine Entscheidungen und Deine Menschlichkeit definiert und nicht über Deine Herkunft. Ja, langsam beginne ich zu glauben, dass Deine große Chance dort auf Dich wartet.
Und während ich das hier schreibe und mir ausmale, welche wunderbaren Möglichkeiten sich dort für Dich eröffnen, fern von diesem Haus und seinem Wahnsinn, dann erfüllt neue Hoffung und unbändige Freude mein Herz. Ich wünschte, ich könnte in Deiner Nähe sein und mit ansehen, wie sich Dein Leben zum Besseren verändern wird. Denn ich will fest daran glauben, dass trotz der traurigen Kindheit nun eine Zeit der Freude und des Spaßes mit neuen Freunden auf Dich wartet.
Ich hoffe nur, Du legst den Schutzpanzer der Gleichgültigkeit und Verbitterung ab, wenn Du diesen neuen Lebensabschnitt betrittst, dann bin ich überzeugt, eine wunderbare Zukunft wird sich für Dich öffnen.

Und eines Tages, wenn Du all das gelernt hast, was es dort zu lernen gibt, wenn Du die Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hast, dann wirst Du diese Briefe lesen.
Ich erhoffe mir, sie mögen auf einen gut ausgebildeten, weltoffenen Geist treffen, der verstehen kann dass alles, was geschehen ist niemandes Schuld war. Dass es einfach Dinge gibt, die sich entwickeln und so sehr man sich auch dagegen stemmt, man kann sie nicht ändern. Manche Entwicklungen kann man nicht in seinen kühnsten oder schlimmsten Träumen erahnen, und selbst, wenn man es könnte, man wäre machtlos, sie aufzuhalten.
Es ist eine bittere Erkenntnis, dass man nicht mit dem Finger auf eine Person zeigen kann und sagen ?die ist schuld?. Dass es kein Ereignis gibt auf das man deuten kann und sagen: ?da hätte man etwas aufhalten können?. Aber das Leben ist voller solcher Entwicklungen und wir stehen oft da und wundern uns, wie wir hierher gekommen sind.
Und dann kannst Du mir vielleicht vergeben, dass ich nicht der Vater war, den Du Dir gewünscht hättest und der ich immer für Dich sein wollte.

Ich werde niemals aufhören, mein einziges Kind zu lieben.
Dein Vater



Snapes Gesicht war erstarrt, nur seine Augen huschten unruhig durch den Raum, als könne er dort die Schatten vergangener Personen ihrer täglichen Routine nachgehen sehen.
Er legte diesen letzten Brief mit marionettenhaft anmutenden Bewegungen auf das Tischchen zurück und man konnte den Eindruck gewinnen, er merke nicht einmal was er dort tat.
Mit der gleichen Art Bewegung sank seine Hand in seinen Schoß und verschränkte sich mit der anderen, dort schon genauso teilnahmslos liegenden Hand.
Vollkommen erstarrt und gefangen in seinen Erinnerungen und Gedanken schien Snape zu sein, nur wenn man sehr genau hinsah, konnte man neben dem unruhigen Blick auch sehen, wie der Kiefer sich anspannte und dass die Hände so sehr ineinander verkrampft waren, dass die Knöchel weiß leuchteten.
Seine Gedanken wirbelten um etwas, das er nie, niemals in diesen Briefen vermutet hätte.
Hoffnung.
Nach Allem, was er gesehen, erlebt und empfunden hatte, war dieser Mann fähig gewesen Hoffnung für seinen Sohn zu sehen.
Snape begann langsam zu verstehen.
War es das, was ihn und seinen Vater unterschied? Der Glaube, dass das Leben immer wieder Chancen bot?
War es das, was eine glückliche Kindheit aus einem Menschen machte?
War es das, was sein Vater sich so sehr für ihn gewünscht hatte, das Fundament für Hoffnungen und den Blick, um Chancen zu sehen, wo er selber ohne diese Basis nichts hatte sehen können?
Er schloss die Augen, als er spürte, wie ihn ein Gefühl von Verlust zu überrollen drohte.


Am Ende muss manch einer erkennen, dass nicht jeder Sieg ein Triumph ist und dass Hochmut oft vor dem Fall kommt.

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BeitragVerfasst: 8. Jan 2008 22:04 
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Erst mal nur zu deinem Re-Review:

Zitat:
In diesem Falle allerdings glaube ich nicht, dass deine GEdanken zutreffen.
Ich persönlich glaube nicht, dass die reinblütige Familie Prince jemals Opfer war und Macht benutzt, um sich davor zu schützen, jemals wieder der Willkür Anderer ausgesetzt zu sein.

Ich hatte bei meinen Gedanken nie die Familie Prince im Kopf, nur immer den jungen Severus.

Die Princes sind zu sehr in ihrem Wahn gefangen, sie kennen keinen anderen Weg als den ihren und werden auch keinen gelten lassen.

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BeitragVerfasst: 23. Jan 2008 18:41 
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Hermine hat geschrieben:
Erst mal nur zu deinem Re-Review:

Zitat:
In diesem Falle allerdings glaube ich nicht, dass deine GEdanken zutreffen.
Ich persönlich glaube nicht, dass die reinblütige Familie Prince jemals Opfer war und Macht benutzt, um sich davor zu schützen, jemals wieder der Willkür Anderer ausgesetzt zu sein.

Ich hatte bei meinen Gedanken nie die Familie Prince im Kopf, nur immer den jungen Severus.


Hm... aber der junge Severus nutzt in dieser FF niemals Macht, um kein Opfer zu sein. Letztendlich ist sein Vater das Opfer und der hat keine Macht, um sich vor weiteren Demütigunge und Misshandlungen zu schützen.

Meine Ausführungen zum Thema "Macht" in diesem Kapitel und in dieser FF hatten nichts mit Opfern zu tun, die später Macht als Instrument verwenden, nie wieder Opfer zu werden.
Diejenigen, die in dieser Geschichte Opfer sind, sind machtlos und diejenigen, die Macht ausüben, sind keine Opfer.

Vielleicht siehst du den Kontext ein wenig zu sehr von einem bestimmten Standpunkt aus.
In diesem Falle ging es wirklich nur darum zu beschreiben, wie durch Geburt, Stellung und Vermögen priviligierte Menschen die Macht sehen und nutzen.
Und wie sehr sie sich mit ihrer Einschätzung auch irren können.

/hugs
Lyth

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BeitragVerfasst: 10. Aug 2008 21:15 
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Liebe Lyth ,
mir haben deine bisherigen Kapitel von "Briefe für Severus" sehr gut gefallen, war nur leicht irritiert beim Ende des achten, weil ich mir irgendwie nicht vorstellen konnte, dass das jetzt das Ende ist.
Minchen hat mir dann aber zu meiner Erleichterung erzählt, dass noch zwei Kapitel fehlen.
Kannst du die bitte noch posten?
Mich würde doch sehr interessiern, was Severus denn jetzt aus seinen Erkenntnissen die er aus den Briefen gewonnen hat macht ?
LG Sev


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BeitragVerfasst: 10. Aug 2008 21:26 
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Oooops, ja, das hatte ich ja total vergessen. *schäm*

Ursprünglich wollte ich auf Minchen warten *seufz*, aber natürlich poste ich jetzt noch weiter...

Vielen Dank erstmal für dein Lob, es freut mich, wenn ich einen weiteren Severus-Fan finden konnte. Zwar schreibe ich nicht dein bevorzugtes Pairing, aber ich hofe, meine Geschichten können dir trotzdem gefallen.

/hugs
Lyth



Kapitel 9: Aufbruch



Es ist möglich, dass wir eine Entscheidung treffen, die nicht nur für uns selber einen neuen Weg bedeutet, sondern die Andere ebenso auf den Weg bringen muss. Nicht alles können wir alleine erreichen, aber wir sind immer alleine damit, die Menschen, deren Unterstützung wir brauchen zu erreichen. Sie zu bewegen, uns zu folgen, oder gar uns voran zu gehen kann der schwerste Teil einer Aufgabe sein, aber es kann auch der Teil sein, der für alle am Lohnenswertesten ist.
Nicht immer kennen wir unsere Mitstreiter und manchmal glauben wir nur, sie zu kennen, aber wir lernen zu erkennen, dass sich ein zweiter Blick oft lohnt, denn manchmal verbergen sich ganz erstaunliche Menschen hinter den gewöhnlichsten Fassaden.



Minerva McGonagall saß an ihrem Schreibtisch und tippte mit der trockenen Feder auf ein leeres Stück Pergament. Ihr Blick war hochkonzentriert, ihre Miene streng und sie schien nicht zu merken, dass das Tippen der Feder einem unhörbaren Rhythmus folgte.
Ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück zu der Erinnerung in dem Denkarium. Sie war zutiefst erschüttert über das, was sie dort gesehen hatte. Die Intensität, die schmerzhafte Verzweiflung der Interaktion dieser beiden Männer hatte sie bis in ihr Innerstes berührt. Sie hatte sich die Erinnerung wieder und wieder angesehen, solange, bis sie eine erneute Wiederholung nicht mehr ertragen hätte.
Es war ein tiefes Verstehen gewesen, was sie aus dieser Szene erfahren hatte und dieses Verstehen hatte einen schrecklichen Schmerz in ihr ausgelöst. Es war fast nicht vorstellbar, was die Beiden ertragen hatten, was der eine noch ertragen musste und doch hatte man weder dem einen noch dem anderen je etwas davon angemerkt.
Zum ersten Mal in ihrem von Wissen und Lehre geprägten Leben begann sie den Sinn des Satzes ?Zu viel Wissen kann auch belasten? zu begreifen. Sie wünschte sich aus tiefstem Herzen, es hätte einen leichteren und weniger schmerzvollen Weg für sie alle gegeben, diese Lektion zu lernen.
Aber nun war es, wie es war und es galt, das Beste daraus zu machen. Sie straffte sich und betrachtete das Muster aus winzigen Löchern, das die Feder auf dem Pergament hinterlassen hatte. Sorgfältig zerriss sie es und zog ein neues hervor, auf dem sie zu schreiben begann.

Werter Professor Snape,

Sie stockte, dann schüttelte sie leicht den Kopf. Er war kein Lehrer mehr an dieser Schule und diese Anrede könnte von ihm als höhnische Stichelei gewertet werden. Es wäre fatal, wenn er dadurch von vorneherein in eine ablehnende oder defensive Haltung gedrängt würde, denn das, was sie ihm schreiben wollte, war ohnehin schwer genug für ihn anzunehmen.
Sie legte das Pergament zur Seite, nahm ein neues zur Hand und begann wieder.

Lieber Severus,

Sie hielt inne und starrte auf die Worte, die Feder schwebte nur Zentimeter über dem Blatt.
Wie sollte sie es ihm begreiflich machen, wie konnte sie einerseits sein Vertrauen erlangen und ihn andererseits auch bewegen weiter zu machen. Weiter zu machen, da, wo jeder andere Mensch schon längst aufgegeben hätte, wo jeder andere Mensch wahrscheinlich zusammengebrochen wäre.
Wie konnte man von ihm verlangen alles zu ertragen, nur um am Ende die Verachtung und den Hass seiner Mitmenschen zu ernten.
Sie schüttelte den Kopf, zerknüllte das Pergament und begann erneut.
Nach einer halben Seite verharrte sie wieder. Es schien nicht passender zu werden, nur weil sie es umformulierte und so begann sie wieder zu überlegen.
Langsam legte sie die Feder beiseite und griff nach ihrem Zauberstab. Mit ruhigen, konzentrierten Bewegungen verwandelte sie eines der filigranen Instrumente aus Dumbledores Nachlass in eine Teetasse. Mit einem Seufzen musterte sie die Tasse, dann wiederholte sie den Vorgang mit einem anderen Instrument.
Wieder atmete sie tief ein, als sie versonnen das Royal Worcester Muster auf der Tasse betrachtet. Verwandlungen waren so enorm entspannend.
Sie fuhr fort und nach neunzehn weiteren Tassen hatte sie ihren Geist geordnet und ihre Gedanken gesammelt.
Sie warf einen letzten, leicht bedauernden Blick auf das Tassensortiment, in dem nun so gut wie jedes klassische Teeservice-Design vertreten war und mit ein paar zielgenauen Bewegungen ihres Zauberstabs brachte sie alles in seinen ursprünglichen Zustand zurück.
Dann wandte sie sich mit neuer Energie ihrer Aufgabe zu.
Ihre Feder in der rechten Hand, rückte sie das Pergament zurecht und dachte nach.
Sie kannte diesen Mann die längste Zeit seines Lebens, sie hatte den mürrischen und verschlossenen Jungen gesehen, den brillanten, aber zynischen jungen Mann und den verbitterten und zornigen Erwachsenen. Aber all diese Personen verband der gleiche Geist, die gleiche Seele und die musste sie erreichen.
Sie musste ihm Freundschaft und Vertrauen anbieten und sie musste es so schaffen, dass er es annehmen konnte. Und genau da sah sie das Problem, denn so, wie sie ihren Kollegen kannte, waren das zwei Dinge, die er nicht von Jedermann annehmen würde.
Andererseits war sie nicht Jedermann und schon gar nicht mehr, nachdem sie nun Dumbledores Augenzeugin geworden war. Sie musste nur noch einen Weg finden, ihm das zu vermitteln, aber je mehr sie darüber nachdachte, je mehr sie versuchte, sich auf ihn einzustellen, desto klarer wurde ihre Vorstellung von dem, was ihn bewegen konnte.

Sie holte tief Luft und begann erneut zu schreiben. Diesmal pausierte sie nicht, sie schrieb ohne Unterbrechung Seite um Seite, Blatt um Blatt, bis sie schließlich die Feder beiseite legte, den gesamten Text noch einmal las und dann alle Blätter sorgfältig in ein Kuvert schob.


Und so schwer es auch sein mag, einen Anderen mit sich zu nehmen, so bewahrt es uns doch vor dem, was wir am meisten fürchten: der Einsamkeit auf unseren Wegen. Und dafür sind wir bereit ungeheure Leistungen zu erbringen.

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BeitragVerfasst: 10. Aug 2008 22:33 
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Hallo meine Süße, :knuddel:

Zitat:
Ursprünglich wollte ich auf Minchen warten *seufz*, aber natürlich poste ich jetzt noch weiter...

Aber ich hab doch hier gar nicht den Faden verloren ... *verwirrt guck*

Zitat:
Es war fast nicht vorstellbar, was die Beiden ertragen hatten, was der eine noch ertragen musste und doch hatte man weder dem einen noch dem anderen je etwas davon angemerkt.

Beide sind keine Männer, die sich in ihre Karten sehen lassen.
Beide geben von sich nur preis, was sie sehen lassen wollen.
Und dadurch konnten auch beide so handeln, wie sie es letztendlich getan haben.

Zitat:
Weiter zu machen, da, wo jeder andere Mensch schon längst aufgegeben hätte, wo jeder andere Mensch wahrscheinlich zusammengebrochen wäre.
Wie konnte man von ihm verlangen alles zu ertragen, nur um am Ende die Verachtung und den Hass seiner Mitmenschen zu ernten.

Es ist schon fast unmenschlich, etwas derartiges einzufordern. *seufz*
Aber ohne seine mutige Tat gäbe es kein Vorwärtskommen bei Voldemort und die Chancen, ihn zu besiegen, würden schrumpfen ohne Ende.

Zitat:
Wieder atmete sie tief ein, als sie versonnen das Royal Worcester Muster auf der Tasse betrachtet. Verwandlungen waren so enorm entspannend.

Du hast Minerva so gut getroffen.
Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert davon, wie du dich in die Charaktäre einfühlen kannst.

Zitat:
Sie musste ihm Freundschaft und Vertrauen anbieten und sie musste es so schaffen, dass er es annehmen konnte.

Wenn es jemand schafft, dann Minerva.
In ihr steckt ungeheuer viel Potential.

Liebste Lyth, nach wie vor bin ich gefesselt von den Briefen.
Egal wie oft ich sie lese, ich liebe diese Geschichte immer mehr.

:bussi:

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BeitragVerfasst: 16. Aug 2008 13:25 
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Liebe Lyth :knuff: ,
*freu* schön, dass du weiter gepostet hast! Auch wenn ich das Pairing SS/HG sehr gerne mag, heißt das ja nicht, dass ich nichts anderes lese *grins*.
Zuerst war ich bei Kap. 9 etwas überrascht, hatte ich doch jetzt eher erwartet, es ginge irgendwie mit einer Reaktion von Severus auf die Briefe weiter. Aber da war ich wohl schief gewickelt, obwohl ich jetzt so langsam glaube zu sehen, worauf es in deinem letzten Kapitel hinauslaufen wird.
Meine Vermutung ist, dass das Lesen der Briefe und die damit verbundene Erkenntnis, dass sein Bild, seine Kindheit betreffend, ein falsches gewesen ist, Severus dabei helfen werden den Brief von Minerva annehmen zu können.
Ich bin neugierig, ob ich richtig liege.
Das Zwischenspiel mit den Teetassen hat auch mich lächeln lassen. Ich habe Minerva richtig vor mir sehen können. *lach*
Sehr berührt haben mich die Sätze:
Sie kannte diesen Mann die längste Zeit seines Lebens, sie hatte den mürrischen und verschlossenen Jungen gesehen, den brillanten, aber zynischen jungen Mann und den verbitterten und zornigen Erwachsenen. Aber all diese Personen verband der gleiche Geist, die gleiche Seele und die musste sie erreichen
Ich hätte zu gerne gelesen was sie ihm geschrieben hat.
Freu mich schon auf dein nächstes Posting. Hast du eigentlich noch was anderes über Severus geschrieben?
Deinen Schreibstil gefällt mir wirklich sehr gut.
Bis bald dann, liebe Grüße
Sev


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BeitragVerfasst: 16. Aug 2008 19:17 
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Hallo Sev :knuff:

vielen Dank für deinen Kommentar!
Ich freue mich wirklich, dass es dir so gut gefällt. :jubel:

Ja, ich habe noch 2 Geschichten über Severus geschrieben, "Contrecoup" und "Seine Nemesis". Ich werde die beiden hier auch noch posten, wenn du sie gerne lesen möchtest.

/hugs
Lyth

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BeitragVerfasst: 16. Aug 2008 19:30 
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Kapitel 10: Mut



Wir alle fürchten uns. Wir haben Angst vor der Dunkelheit und vor dem, was wir nicht kennen. Wir haben Angst davor, was die Zukunft und bringen könnte und davor, uns den Herausforderungen des kommenden Tages zu stellen.
Wir bewundern Menschen, die scheinbar keine Angst haben. Wir bewundern ihre aufrechte Haltung, der Gefahr zum Trotz, sich ohne zu zögern dem Sturm entgegen zu stellen. Wir bewundern die Sicherheit, mit der sie dem Schicksal entgegensehen, auch wenn sie wissen, dass es kein gutes Ende geben kann. All dem zum trotz gehen sie voran, unbeirrt und ohne einen Blick zurück auf die Sicherheit, die sie aufgegeben haben. Unbeirrbar gehen sie auf das unausweichliche Ende zu, als würden sie keine Angst kennen.



Lange stand Severus Snape mit geschlossenen Augen da, bis er seine Empfindungen wieder unter Kontrolle hatte. Als er die Augen wieder öffnete, fiel sein Blick sofort wieder auf den Stapel der Briefe.
Er starrte auf die letzten beiden Briefe, die er ohne eine Pause hintereinander weg gelesen hatte. Gefühle, Gedanken und Bilder aus seiner Kindheit stürmten auf ihn ein.
Gerade diese beiden letzten Briefe stammten aus einer Zeit, an die er sich sehr gut erinnerte.
Und dennoch?
Waren seine Erinnerungen so verfälscht? Hatte er wirklich ein solch anderes Bild der Wirklichkeit aufgebaut?
Und wenn ja, wann? War es ihm von Anfang an so vorgekommen, wie er es erinnerte? Oder hatte sich sein Bild von den Vorfällen erst im Laufe der Zeit gewandelt?
Ein leises Stöhnen kam aus seiner Kehle, aber er schien es nicht zu merken. Er senkte den Kopf, stützte die Stirn in seine Handflächen und versuchte nachzudenken.
Es stimmte, seine Mutter war eine harte Frau gewesen, streng und unbeugsam, aber er hatte sie bewundert für ihre Fähigkeiten, für ihr Können. Sie war kein Mensch, von dem man Liebe oder Herzlichkeit erwarten würde, aber er hatte sie trotzdem geliebt und verehrt.
Seinen Vater aber hatte er verachtet, gehasst hatte er ihn für seine Schwäche, dafür, dass er niemals ein Vater gewesen war.
Er erinnerte sich wie aus heiterem Himmel wieder an die schlimmsten Momente seiner Kindheit. Es hatte sich so sehr gewünscht, sein Vater würde ihn beschützen vor der unbändigen Wut seiner Mutter. Aber der lag nur am Boden, wie ein Wurm und wand sich unter irgendwelchen Flüchen, die sie immer wieder auf ihn anwendete. Ein wirklicher Vater hätte wäre aufgestanden und hätte sich gewehrt.
Ein wirklicher Vater hätte sich und seinen Sohn verteidigt.
Ein wahrer Vater wäre für ihn da gewesen.
Er dachte an die Momente, wenn seine Großeltern den Mann ihrer Tochter erniedrigten und er es mit gesenktem Kopf ertrug. Ein Mann wäre aufgestanden und hätte sich gewehrt, aber der Wurm tat nichts.
Langsam tauchten diese lange verdrängten Bilder und die Gefühle von Furcht, Abscheu und Einsamkeit wieder auf und sein Hals fühlte sich an, als würde ein riesiger unzerkauter Brocken darin stecken.
Trotzdem ließ er es zu, wie all diese Bilder, Szenen und Gefühle an die Oberfläche schwemmten und er ließ zu, wie sie sich entfalteten und ihre eigene Geschichte erzählten. Seine Sicht, seine Geschichte.
Die Gefühle eines Kindes, das nicht verstehen kann, warum seine eigene Machtlosigkeit sich auch in seinem Vater widerspiegelte, warum die Welt ihm keinen Vater gegeben hatte, der stark und mächtig war.
Sein Hass und seine Verachtung waren gewachsen, er konnte nicht den Zeitpunkt benennen, an dem er aufgehört hatte, anders über seinen Vater zu denken. Es war etwas Deprimierendes in dieser Erkenntnis, dass er nicht einmal wusste, wann der Punkt ohne Wiederkehr gewesen war.
Eine namenlose Trauer erfasste ihn, als er den Verlust seines Vaters begriff, eines Vaters, den er nicht gekannt hatte und den er niemals hatte kennen wollen.
Aber sein brillanter Verstand erkannte trotz aller Verwirrung und Trauer die tiefe Ironie seiner Situation. Er hatte vor langer Zeit seinen Vater verloren, durch seinen eigenen Willen, weil er ihn nie kennen lernen wollte, weil er niemals hinterfragen wollte, wer sein Vater wirklich war.
Dann war eine neue Vaterfigur in sein Leben getreten, ein Mentor, dessen Weisheit, Humor und Freundlichkeit, aber auch Strenge und Fairness all das verkörperte, was man sich von einem Vater wünschen konnte. Auch ihn verlor er durch seine eigene Hand.
Und nun war sein eigener Vater wieder in sein Leben getreten, gerade, als der Verlust des Mentors unerträglich zu werden schien. Wenn auch nicht als Person, so doch auf eine Art, mit der er niemals gerechnet hätte.
Noch einmal sah er auf den letzten Brief, in dem sein Vater all seinen Hoffnungen für die Zukunft seines Sohnes Ausdruck verliehen hatte und er spürte einen krampfhaften Schmerz in seiner Brust. Falscher hätte Tobias nicht liegen können mit seinen Vorraussagen.
Und trotzdem, da war noch mehr in diesem letzten Brief. Er hatte so viele Fragen in ihm aufgeworfen.
Es kam ihm fast vor, als wäre sein ganzes Leben nur noch eine einzige Frage.
Und ein Gedanke formte sich aus all diesen Fragen heraus. Albus Dumbledore war auch so ein Mensch gewesen, der daran geglaubt hatte, dass das Leben immer neue Chancen bot und dass man sich mit jeder neuen Entscheidung, die man angesichts einer neuen Chance traf, immer wieder neu definierte. Er hatte es dem Jungen Severus oft genug gesagt, wenn es wieder einmal Ärger gegeben hatte, weil der verfluchte Haufen Gryffindors es wieder einmal geschaffte hatte ihn und seine Kameraden als Schuldige eines Vorfalls aussehen zu lassen.

Er starrte auf den Brief in seiner Hand und seine Gedanken wanderte zurück zu der Zeit, als er die Schule, die für ihn zum größten Teil ein dauernder Alptraum aus Kämpfen und Demütigungen gewesen war, verlassen hatte.
Am Ende seiner Schulzeit, nach den Abschlussprüfungen hatte man ihm angeboten, seinen Namen zu ändern, den Namen der Familie seiner Mutter anzunehmen. Sein Vater galt offiziell als tot und er hatte einen Brief des Ministeriums bekommen, in dem ihm erklärt wurde, diese Tatsache und seine Volljährigkeit gäben ihm nun das Recht, zu entscheiden, welchen Namen er in Zukunft tragen würde. Das Formular für den Antrag auf Änderung des Familiennamens war beigelegt, als hätte irgendjemand den Vorgang schon eingeleitet. Er hatte das Angebot lange erwogen, aber er hatte es niemals angenommen, nicht einmal wirklich abgelehnt, er hatte einfach die Papiere weggelegt und unbewusst die Entscheidung darüber vor sich her geschoben.
Als hätte er unbewusst verhindern wollen, diese Wahl überhaupt treffen zu müssen. Und so schob er es vor sich her, bis er es eines Tages vergessen hatte.
Jetzt erinnerte er sich wieder und nun fühlte er ein eigenartiges Gefühl, wie leichten Triumph in seinem Bauch. Es war nur ein kurzer Moment, aber es war, als hätte er einmal etwas richtig gemacht.

Ein leises Pochen am Fenster ließ ihn auffahren. Ein brauner Waldkauz saß auf dem Fenstersims und starrte herein. Snape ging zum Fenster, öffnete es und ließ den Vogel herein. Er hopste auf die Fensterbank und streckte ihm ein Bein entgegen. Snape nahm den Brief und ließ den Vogel wieder hinaus.
Er ging einige Schritte in den Raum zurück, den Brief in der Hand, ohne ihn anzusehen. Fast schien es, als fürchte er sich davor. Aber schließlich sah er auf das Papier.
Erstaunen machte sich in seinem Gesicht breit, er wusste zwar nicht, womit er eigentlich gerechnet hatte, aber die bekannte Schrift von Minerva McGonagall war sicherlich am weitesten davon entfernt, was er sich vorgestellt hatte.
Er überlegte einen Moment, was konnte die Schulleiterin von ihm wollen?
Unterrichten sollte er sicher nicht wieder, ein bitteres Lachen, das mehr wie ein Schnauben klang, kam über seine Lippen.
Oder wollte sie ihn anklagen? Ihn auffordern, sich dem Ministerium zu stellen und seiner Verurteilung als Mörder entgegen zu treten?
Er starrte weiter auf den Brief und war sich nicht einmal sicher, ob er ihn überhaupt öffnen wollte.
Eine lange Zeit stand er einfach nur da, sah auf den Brief und rang mit sich. Es würde nichts ändern, wenn er ihn einfach ins Feuer warf. Es würde ohnehin keine Vorwürfe geben, die er sich noch nicht selber gemacht hatte, es könnte auch keine Bestrafung härter sein als die, die er sich selber auferlegte.

Und plötzlich, wie aus einem abgelegenen Teil seines Geistes kam ihm ein Gedanke.
Hatte er nicht eben gerade schmerzlich gelernt, dass die Dinge nicht immer so waren, wie man es annahm? War ihm nicht eben erst bewusst geworden, was geschehen konnte, wenn man die Stimmen der anderen ignorierte?
Hatte er nicht gerade Briefe gelesen, die er auch eigentlich hatte vernichten wollen? War er nicht all die Jahre sicher gewesen, zu wissen, was in ihnen stand, dass sie voller Hohn, Abscheu und Verachtung sein müssten? Dass sie eine Geschichte erzählen würden, die er zu kennen glaubte?
Er sah wieder auf den Brief von McGonagall. War es nicht vielleicht endlich an der Zeit aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen?
Er nahm wieder den Brieföffner zur Hand, öffnete den Umschlag und begann zu lesen. Sein Gesicht konnte nicht mehr Unglauben und Verwunderung ausdrücken, als schon zuvor bei dem Stapel der Briefe.
Er las den Brief genau vier Mal, und sein Gesichtsausdruck wandelte sich mit jedem Durchgang. Am Ende glomm Furcht und Trauer in seinen Augen auf, aber sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Entschlossenheit.
Er legte ihren Brief zur Seite, nahm des Stapel der alten, vergilbten Briefe, legte sie sorgsam zusammen und ging mit ihnen zurück in den ersten Stock des Hauses.
Im Arbeitszimmer seines Vaters packte er sie zurück in das Geheimversteck und verschloss es.
Es würde lange dauern, bis er lernen würde, mit dieser neuen Geschichte zu leben, bis er diesen unbekannten Vater einen Teil seiner Vergangenheit werden lassen könnte, aber das musste warten.
Jetzt gab es erst einmal Wichtigeres zu tun.
Severus Snape machte sich auf dem Weg das zu tun, was er schon immer hatte tun müssen und was er immer wieder tun würde, solange, wie es nötig war.


Aber wenn wir sehr genau hinsehen, erkennen wir, dass es nicht die Abwesenheit von Angst ist, die diese Menschen auszeichnet, sondern vielmehr die Erkenntnis, was richtig ist, trotz aller Angst. Sie haben erkannt, dass es ein Schicksal für sie gibt und vor ihrem Weg liegt die Akzeptanz dieser Bestimmung. Und erst, wenn sie die erreicht haben, gewinnen sie die aufrechte Haltung und den unbeirrbaren Mut zu tun, was zu tun ist.
Und das ist etwas, das jeder von uns könnte?

Ja, wir bewundern die Mutigen, denn ganz tief in uns drinnen hoffen wir, dass auch wir irgendwann diese Kraft finden werden, die es möglich macht, die Angst zu überwinden und jeden Weg zu gehen, der nötig ist.



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Ende

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"I can't go back. But I can appreciate what I have right now. And I can define myself by what I am, instead of what I'm not."
"And what are you?"
"Alive. Everything else is negotiable."

Dr. Stephen Franklin, Babylon 5


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The madness within can be a gift...
...the gift of inspiration


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Man möchte brechen!


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